Corona und Medien

„Die Menschen glauben viel leichter eine Lüge, die sie schon hundertmal gehört haben, als eine Wahrheit, die ihnen völlig neu ist.“ Nichts trifft den Zeitgeist besser als dieses Zitat des Wiener Schriftstellers, Satirikers und Redakteurs Alfred Polgar (1873-1955). Dass sich die Corona-Berichterstattung in vielen Print-, Rundfunk- und Fernsehmedien des sogenannten „Mainstreams“ um das Thema Wahrheitsfindung drehe, das wäre tatsächlich etwas Neues und womöglich Unbekanntes. Ob Herbert Riehl-Heyses Beststeller „Bestellte Wahrheiten. Anmerkungen zur Freiheit eines Journalistenmenschen“, das „Nachfolgebuch“ von Birk Meinhardt, „Wie ich meine Zeitung verlor“ oder Udo Ulfkottes in neun Auflagen erschienene Zusammenstellung „Gekaufte Journalisten“, ob die Skandale um Wallraff und die Bild-Zeitung oder Claas Relotius, dessen preisgekrönte Reportagen komplett gefälscht waren oder aber die nicht minder getürkten „Hitler-Tagebücher“ nebst Berichterstattung im Magazin „Stern“: Jenseits der Schreibtische wundern sich nicht wenige Redakteure um das Gottvertrauen, das ihnen die deutschen Leserinnen und Leser in Anbetracht all der Presseskandale oftmals über Jahrzehnte treu und ergeben entgegenbringen. Tageszeitungen, Magazine und Tagesschau oder Heute-Journal sind den Deutschen selbst dann heilig wie ihr Auto und ihr Eigenheim, wenn doch im Kleingedruckten steht, dass auch die Wahrheit eine disponible -wenn nicht gar unbekannte- Größe ist. Und man womöglich, wie im Februar/März 2020 geschehen, mediale Massenschwenks hinlegen muss, bei denen man all jene zuerst als Verschwörer verunglimpft, die den Corona-Zug hätten aufhalten wollen – um denselben Leuten Tage später als „Helden“ zu huldigen (vgl. hierzu auch „Corona.Der Film-Prolog, Ovalmedia). Kritiklos wird Tag für Tag das konsumiert, was zumeist aus wenigen und immer denselben Quellen über die früher liebevoll „Tickerdienste“ genannten Nachrichtenkanäle von Agenturen oft in ein und demselben Wortlaut auf die Aufmacherseiten der großen überregionalen Blätter in geradezu hypnotisierender Taktung wandert: Lauterbach warnt vor…, Die neue Umfrage von YouGov besagt…(Deutsche wollen es härter), Spahn meldet dass…, Drosten fordert…, Laschet sagt…, Merkel will…

Welche Wahrheit darfs denn sein? Zeiger bewegen!

Print: Die dünne Personaldecke

Was waren das für Zeiten, als wir in den Redaktionen mit eigenen Korrespondenten arbeiten konnten: Berlin, Paris, Kairo, Washington DC und womöglich noch New York und Tokio. Dort saßen echte Menschen, die davon lebten, einen Korb an Berichten an ihre Heimatredaktionen zu verkaufen. Alles selbst recherchiert – in Pressekonferenzen und persönlichen Interviews, oft dokumentiert von einem mitreisenden Fotografen. Um die Jahrtausendwende zogen in vielen Verlagshäusern die Abrissbirnen ein in Form smarter, junger Unternehmens„berater“, die ihre Äxte an den Personalstamm legten. Das Ergebnis, Stand heute: Die Nachrichten laufen vom Ticker quasi direkt ins Blatt. Ein einzelner diensthabender Redakteur frickelt hie und da an den Überschriften, damit nicht auffällt, dass die 20 anderen Blätter die gleiche Meldung nahezu wortgleich übernommen haben. Sehr schön lässt sich das jeden Tag mit dem Google-Suchtest überprüfen, geben Sie dazu einfach die Anlaufzeilen einer Meldung in den Suchschlitz ein. Es werden mindestens fünf überregionale „Qualitätszeitungen“ als Quellen ausgeworfen. Fazit: Die Nachrichtenhoheit hat sich verlagert, weg von den Redaktionsstuben – hin zu den großen Nachrichtenagenturen wie der Deutschen Presse-Agentur, der Agence France Press oder, im Sportbereich, dem Sport-Informationsdienst. Früher gab es auch hier noch mehr Vielfalt, etwa den Deutschen Depeschendienst. Doch das ist lange her. Was in diesen Stuben zu Corona und dessen Folgen von einigen wenigen Menschen formuliert wird nehmen am Folgetag Millionen Deutsche für bare Münze – und wenn es Lügen wären, und wenn sie es – im Sinne von Alfred Polgar, schon hundertmal gehört hätten. Fünf, sechs diensthabende Redakteure in der größten deutschen Agentur DPA bestimmen das Meinungsbild im Land – auch und gerade zu Corona.

Redaktionen: Straffe Hierarchie

Aufgeräumt werden sollte auch mit dem Vorurteil, Redaktionen seien „Horte der Freiheit“ und des „liberalen Denkens“, wo freigeistige schriftbegabte Philosophen mit dem Grundgesetz schwenken und fröhlich die Nationalhymne zu Merkels neuesten Corona-Beschlüssen pfeifen würden. Schon zu Zeiten da ich als Ressortleiter einer großen Tageszeitung angestellt war erinnerten unsere Redaktionskonferenzen an Kasernenhof-Auftritte. Exakt EINE Meinung nahmen wir als Fazit aus den Konferenzen mit in den Dienst – und zwar die des Chefredakteurs, der diese Meinung entsprechend seiner Kontakte mit diesem Minister (damals aus Bonn, später Berlin) und jenem Staatssekretär formulierte. Leitartikel und Kommentare wurden so lange umgetextet bis es „passte“. Im „Redaktionsstatut“, das ein jeder mit dem Anstellungsvertrag unterschrieb verpflichteten wir uns auf die „Leitlinien“ der Tageszeitung. Weil Elisabeth Noelle Neumanns „Institut für Demoskopie in Allensbach“ seinerzeit als „zu linkslastig“ eingestuft wurde durfte es im ganzen Haus niemals zitiert werden – um nur ein Beispiel zu nennen. Auch bei anderen großen Häusern habe ich dies nie anders erlebt. Heutzutage erlebt man in vielen Redaktionen eine Rot-Grün-Lastigkeit in derselben Vehemenz (vgl. hierzu reitschuster.de); 92 % der ARD-Volontäre – so fand es faz.net im November 2020 heraus – seien Anhänger der Grünen Partei. Wie auch immer: In sämtlichen Print-Redaktionen des Landes haben Redakteure ihre Schweigepflicht und „Linie“ einzuhalten. Da mag der Volontär von Rosenheim24 oder OVB-Online noch so fair über eine Rosenheimer Demo gegen Coronamaßnahmen berichten, Interviews sammeln und Fotos machen (so es keinen Fotografen gibt, der Zeit hat zu diesem Termin). Wenn es dem „Diensthabenden“ am „Desk“ – der also bestimmt wie das Format (Online/Print) auszusehen hat – zu wenig diffamierend ist werden flugs die üblichen „Verschwörer“ und „Rechtsradikale“ in die Demos hineingemogelt – wider besseres Wissen. Und wenn der „Diensthabende“ nicht spurt dann muss der „Chef vom Dienst“ ran, der womöglich nochmal gegenprüft. In großen Magazinen gibt es zudem Textchefs (oftmals nur für Headlines) und – allerdings personell abnehmend – die Fact Checker („Dokumentation“), die z.B. Telefonnummern nochmals nachprüfen – oder eben auch noch löschen können. Oft ist es persönliches Erleben, das die diensthabenden Redakteure zum Rotstift greifen lässt, mal eine Missachtung des Mindestabstands durch einen vermeintlichen „Coronaleugner“ beim Einkaufen, mal, wie im Falle des „Tagesspiegel“-Medienredakteurs Joachim Huber, eine Covid-19 Erkrankung. Nun mögen findige Leser und Leserinnen das Beispiel von Julian Reichelt entgegen halten – des zornigen BILD-Chefredakteurs – der im März für wenige Tage massiv gegen Merkels Management und die Kappung der Grundrechte aufbegehrte. Doch keine Sorge, „Mutti“ ließ, wie man munkelt, den Bundesnachrichtendienst (vgl. hierzu Udo Ulfkotte) ran und schon hatte der maßnahmenkritische Chef eine vermeintliche „Mobbing“-Affäre am Hals und ward mundtot gemacht, so nachhaltig übrigens, dass auch das Springer-Organ „Welt“ in seiner Berichterstattung wieder flugs um 180 Grad drehte. Geschickt hat das System Merkel auch V-Leute in die bedeutenden Journalistengewerkschaften eingeschleust; auch von dieser Seite erfahren die Kolleginnen und Kollegen erheblichen Druck.

TV: Dasselbe Spiel

Just da ich diese Zeilen aufsetze erschien bei reitschuster.de der Bericht einer ZDF-Redakteurin, der nicht nur oben Gesagtes in vielen Punkten unterstreicht. (Fortsetzung unten)

Welche Wahrheit darfs denn sein? Zeiger bewegen!

 

Welche Wahrheit darfs denn sein? Zeiger bewegen!

Sie weist vor allem darauf hin, dass die Kultur- und Wissenschaftsressorts des ZDF gnadenlos zusammen gestrichen wurden – und hierin liegt, speziell in der Corona-Pandemie, eine weitere Krux: Wer sollte Lauterbachs laufendes Lamento und Drostens Dauer-Drohungen besser auf Stichhaltigkeit untersuchen können als ein ausgebildeter Wissenschaftsredakteur? Keine Redaktion, die sich solch einen Luxus noch leisten würde! Und so kommt es, ungeprüft und aus nur wenigen Quellen, zum täglichen „Corona-Panikorchester“, das etwa der bekannte Medienwissenschaftler Stephan Russ-Mohl („Streitlust und Streitkunst“) ausgerechnet in jener Zeitung beklagte, die hier die Erste Geige spielt: der „Süddeutschen“ vom 26. Oktober 2020. Es sei, sagt Russ-Mohl, eine sich gegenseitig aufschaukelnde „Aufmerksamkeitsökonomie“. Wie ein Billiger Jakob, der immer lauter schreit auf seinem Marktplatz (um den Billigen Hans zu übertönen) fordere das Trio aus Lesern, Redakteuren und last but not least Politikern immer neue Sensationen. Der Leser entscheide sich, per Klick im Internet, für „Informationen“ oder „Sensationen“ zu Corona (gemessen mit Statistik-Cookies), das Medium verenge aufgrund des wachsenden Interesses die Berichterstattung immer mehr auf dieses einzige Thema Corona. Und in die sich bildende „Corona-Stampede“ mische sich nun noch die Herde der narzisstischen Politiker. Eine Erklärung, die zumindest das Jahr 2020 abdecken könnte – in der Tat hat das Thema Corona vielen Leitmedien enormen Auflagenzuwachs beschert, der allerdings nicht darin mündete, nun auch in das Thema Qualitätsjournalismus zu investieren.

Was bleibt als Fazit?

Man werde, so Russ-Mohl, „aus dieser Nummer so schnell nicht herauskommen“. Und so werden wir wohl die Medien in ihrem miserablen Ist-Zustand notgedrungen ertragen müssen. Der Historiker und Pazifist Daniele Ganser empfiehlt als Mittel zum Glücklichsein in der Krise allerdings nicht nur das tägliche positive Denken („fünf schöne Dinge jeden Tag“) – das sich dann einstellt, wenn man die hässliche Nachrichtentrompete mit ihren permanenten Missklängen zum Schweigen bringt. Er nennt, explizit, als Hilfsmittel das „Digital Detoxing“, also das Abschalten des World Wide Web zu bestimmten Tageszeiten. Spazierengehen, sich eine positive Auszeit nehmen, die Natur genießen oder, wie in meinem Fall, das Halb-, Viertel- oder Nichtwissen aller Medien gegen das fundierte Grundwissen eines guten Buchs eintauschen, das sind sicher gute Hilfskonstrukte – zumal in Zeiten, da es selbst in den Lokalteilen der Zeitungen eigentlich nichts wirklich relevant Neues zu erfahren gibt, es sei denn, man erfreut sich an diesen und jenen Kanalarbeiten, einer Ausweisung eines neuen Baugebiets oder einem Schulhausneubau, dessen Kosten explodieren. Yuval Noah Harari beschreibt in seinem Buch „Eine Kurze Geschichte der Menschheit“, dass Ratsch und Tratsch in früheren Gesellschaften oft überlebenswichtige Funktionen hatten – Nachrichten über reiche Jagd- und Sammelgründe beispielsweise. Doch sind wir längst aus dieser „Steinzeit“ heraus und könnten uns, als mündige Bürger, vom Medien-Ballast mit seinem „Corona-Panikorchester“ wenigstens zeitweise befreien. Mir ist ohnehin schleierhaft, wie eine Nation, die so vehement und weltweit belehrend über das Thema „Klima“ diskutieren kann, sich täglich aus einer Flotte von Diesel-Lieferwagen tausende Tonnen Papier mit Bestellten Wahrheiten frei Haus liefern lassen kann – ohne mit der Wimper zu zucken.

Wolfgang Veit

Mit Dank an @argonerd für die Gegenüberstellungen

Seit November 2020 stehe ich in mehr oder weniger reger Mail-Auseinandersetzung mit Michael Busch, dem Geschäftsführer des Bayerischen Journalistenverbands. Mit den obigen Vorwürfen konfrontiert reagierte Busch natürlich überrascht. Er könne weder eine Annäherung des Berufsstands an die Mächtigen noch eine handwerkliche Verschlechterung erkennen, so der Tenor seiner Mails. Womöglich erklärt dies einiges: Hier sind Menschen -in diesem Falle eines Berufsverbands- in einem kompletten Paralleluniversum zu Hause. Sie erzählen nicht nur ihr Narrativ vom hervorragend ausgebildeten „Qualitätsjournalisten“, der sich als Vierte Gewalt kritisch gegenüber jeder Beeinflussung von außen zeige. Sie glauben es tatsächlich. Meinungsmache in den Corona-Jahren 2020ff hat also womöglich mehr etwas mit Religion als mit Fakten zu tun.