Volker´s Wort-Werkstatt:

by Volker Freystedt

Woche 34: SMS=spastische Mitteilungs Sucht

Die Mitteilungen in den sozialen Medien können Formen annehmen, die den Tatbestand der Vernachlässigung, wenn nicht gar des Missbrauchs erfüllen. Nämlich der Vernachlässigung der Sprache. Es ist häufig deutlich zu spüren, dass es demjenigen, der etwas schreibt, in erster Linie darum geht, seinen Text möglichst schnell abzusetzen – ob die Empfänger etwas damit anfangen können, ob der Text verständlich ist, ist offenbar nebensächlich.

Da wird wie spastisch in die Tasten gehauen, was natürlich zu Tippfehlern führt. Groß- und Kleinschreibung – eh egal, braucht man bei der Benutzung von Suchmaschinen auch nicht drauf zu achten. Ganze Sätze – unnötiger Luxus! Zudem weiß jeder, dass der besserwisserische Algorithmus immer mal wieder Wörter einstreut, die man gar nicht schreiben wollte! Aber am Ende zuckt ein Finger bereits wie automatisiert auf die Absenden-Taste, als gelte es, wertvolle Sekundenbruchteile zu gewinnen, in denen jemand anderes seinen Post vor einem abgesetzt haben könnte…

EINSCHUB:

Die Kunst, verständlich zu schreiben, ist die Höflichkeit des Genies.“ Hans Kasper

Sollten wir normal Sterblichen uns dann nicht auch darum bemühen?

Es gibt ja einige Netiquette-Regeln – dass man keine Fäkalwörter benutzt (dafür gibt es dann die entsprechenden netten Symbolbildchen), dass man niemand rassistisch beleidigt etc.

Mein Vorschlag für die Regel Nr. 1: Wenn du etwas schreibst, von dem du erwartest, dass es viele andere lesen – DANN SEI DENEN GEGENÜBER SO RESPEKTVOLL UND LESE DEINEN EIGENEN TEXT SELBST NOCH EINMAL DURCH, bevor du ihn auf die Menschheit loslässt!

Wenn dir dein eigener Text diese Zeit nicht wert ist – warum sollten ihn dann Dutzende, Hunderte oder Tausende andere Menschen lesen?

Wer so nachlässig mit der Sprache umgeht, missbraucht nicht nur sie, sondern auch die Lebenszeit seiner Mitmenschen. Damit befänden wir uns aber in asozialen Medien…

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Der Text zur nächsten Woche wird, weil auch ein Webadmin mal Urlaubspause braucht, vorgezogen. Dann geht es ab dem 13. September weiter!

Woche 33: Supersonderangebot!

Die Werbe- und Marketing-Branche ist ratlos – jahrzehntelange Erfahrung versagt angesichts des momentan gehäuft auftretenden Phänomens: Verbraucher/Kunden/Endabnehmer (oder wie immer man sie bezeichnen will) verweigern sich!

Dabei sollte man meinen, das monatelange Lockdowngedöns und die Zuhausebleiberei müsste doch geradezu einen Nachfrage-Tsunami ausgelöst haben! Das trifft zwar teilweise auch zu, nur hauptsächlich in Bereichen, wo immer noch restriktive Maßnahmen verhindern, dass Angebot und Nachfrage zusammen finden.

Am deutlichsten spürbar und mit dem größten Medienecho verbunden ist diese Verweigerung eines Angebots bei der seit Monaten verfügbaren C-Impfung. Dabei wurden alle Anreize, die sich bisher im Marketing bewährt hatten, ausprobiert: Zunächst der Effekt der Knappheit, verbunden mit Kontingentzuweisungen nur an ausgewählte Gruppen. Dann die Erweiterung des Angebots, die es möglich machte, zwischen verschiedenen Produkten zu wählen. Als nächstes kam der Faktor Convenience hinzu: nicht mehr der Nachfrager musste zum Angebot finden, sondern dieses suchte ihn dort auf, wo er war! Nicht unerwähnt bleiben darf natürlich, dass es für den Abnehmer von Beginn an kostenlos war (bzw. er hatte in seiner Rolle als Steuerzahler sowieso bereits bezahlt, ein Verzicht wäre also unvernünftig von ihm). Zusätzlich wurde dann sogar noch etwas auf das Angebot drauf gepackt aus einem Warenkorb, in dem eigentlich jeder etwas für ihn attraktives finden müsste: Freikarten z.B., Lose, oder eine Bratwurst beim public vaxxing.

Da auch an dieser Stelle immer noch Menschen skeptisch blieben und den Verlockungen des Angebots widerstanden, musste zwangsläufig in eine Kiste gegriffen werden, die bis hierher von Marketingstrategen nie benutzt wurde: Und bist du nicht willig, so braucht es Gewalt!

Wer meint, an seiner Skepsis und seiner individualistischen Sicht auch dann noch festhalten zu müssen, wenn die Mehrheit der Bevölkerung bereits dabei ist, der kann nicht mehr auf Nachsicht hoffen! Ihm muss klar gemacht werden, dass außerhalb der Herde kein kuscheliger Platz zu haben ist!

Wo käme z.B. ein Metzger hin, wenn trotz guter Qualität und günstiger Preise niemand seine Schnitzel und Würste haben wollte? Und wenn jemand Vegetarier ist, dann bekommt er halt noch einen Radi dazu! Wir haben ja Meinungs- und Glaubensfreiheit! Aber Angebote nicht annehmen? Das geht in einer freien Marktwirtschaft nicht, da muss klar sein, dass alle frei entscheiden können, was sie konsumieren, aber nicht, dass sie konsumieren!

Wenn die Leute dann immer noch nicht einsichtig sind und freiwillig zum Angebot greifen, muss zur bewährten Mafia-Methode gegriffen werden: Wenn jemand gewürgt wird, steigt seine Nachfrage nach Luft sprunghaft!

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Nächste Woche: „SMS = Spastische Mitteilungs-Sucht?“

Woche 32: Aber sowas von genau

Wir leben in besonderen Zeiten, um mal möglichst neutral anzufangen. Einschränkungen und Verluste haben in den zurückliegenden eineinhalb Jahren die meisten Menschen erlebt. Ganz besonders aber leiden viele unter der Erfahrung, dass man nicht mehr miteinander reden kann. Einig sind sich alle nur noch in der Feststellung, es gehe eine Spaltung durch die Gesellschaft – und in dem Urteil, dass die jeweils andere Seite daran die Schuld trägt.

Auf der einen Seite des Spalts: Die, die alles richtig machen wollen, die gute Menschen sein wollen, und die meinen, das würde gelingen, wenn sie das machen, was ihnen „von oben“, von der Politik, den Experten, den Medien geraten wird. Dann würden sie Solidarität zeigen, gelebte Liebe praktizieren – moralisch höher kann man gar nicht steigen, und das alles nur durch das Einhalten von „Maßnahmen“!

Von der anderen Seite des Spalts werden diese Menschen gerne als „Schlafschafe“ tituliert. Ihnen wird vorgeworfen, autoritätshörig zu sein statt sich des eigenen Verstandes zu bedienen.

Wer sich auf der anderen Seite des Spalts kritisch mit dem, was „von oben“ angeordnet wird, auseinandersetzt, wird wiederum von der einen Seite des Spalts als „Leugner“ beschimpft, der die Realität nicht wahrhaben will und sich nur Verschwörungen zusammen spinnt.

Da freut man sich doch über jeden, der sich auf der eigenen Spaltseite befindet (böse Zungen nennen das dann: „in der eigenen Blase“)! Oder doch nicht?

Es gibt einen gewissen Typus Mitmensch, der sich blasenmäßig so aufdringlich verhält, dass man ihm kaum auskommt, aber – ähnlich wie beim physikalischen Blasenüberdruck – den dringlichen Wunsch entstehen lässt, sich der Situation zu entziehen!

Das sind die Typen, die selbst eine unbedeutende Äußerung mit ihrem enthusiastischen „Genau! Genau!“ so auf ein Podest heben, dass es nur noch peinlich ist! Oft ist das verbunden mit dem Gefühl, dass es gar nicht um eine inhaltliche Zustimmung zum Gesagten geht, sondern um ein aufdringliches Fraternisieren, mit dem sozusagen ein Übereinstimmungskredit gegeben wird, dessen Rückerstattung demnächst erwartet wird. Ein durchaus unangenehmes Setting…

Denn es kann daraus eine sehr asymmetrische Sache werden; wenn z.B. das „Genau! Genau!“ die Zustimmung zu meiner Meinung zur geplanten Umgehungsstraße war, und jetzt von mir erwartet wird, dass ich im Gegenzug die Meinung meines vermeintlichen Bruders im Geiste zur Euthanasie teilen soll: „Genau! Genau!“

Oft wird das verbal fraternisierende Gerede noch unterstrichen durch die handgreifliche Geste des Körperkontaktes – näheres Herankommen und mit der Hand am Arm berühren, oder ständiges Tippen ans Brustbein des Gegenübers, soll die Energieübertragung und damit die brüderliche Verbindung (und Verbindlichkeit!) noch verstärken.

Da hat dann die derzeit geltende Abstandsregel doch noch ihre gute Seite!

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Nächste Woche: „Supersonderangebot!“

Woche 31: Rück- und Vorsicht

Rücksicht und Rücksichtnahme

„Rücksicht“ ist in vielfacher Hinsicht ein seltsamer Begriff: Zum einen hat das, was er aussagen soll, weniger mit einer Rück-Sicht, einem Zurückschauen, zu tun als im Gegenteil mit einem Vorausschauen, einem Antizipieren. Nämlich dessen, was jemand anderen möglicherweise belästigen, stören oder sonstwie beeinträchtigen könnte. Rücksicht meint also eigentlich eher so etwas wie Vorsicht; wer Rücksicht nimmt, verhält sich vorsichtig, um andere nicht zu behelligen.

Zum anderen befremdet beim Begriff „Rücksichtnahme“ die „-nahme“, denn wer sich rücksichtsvoll verhält, gibt jemand anderem ja eher etwas. Er schenkt dem anderen Aufmerksamkeit und zeigt die Bereitschaft, das eigene Handeln einzuschränken, auf bestimmte Optionen zu verzichten, nur um dem anderen nicht zu schaden.

Wenn er demnach etwas „nimmt“, dann sich selbst die Möglichkeit, den bequemen, gedankenlosen Weg zu gehen.

Vorsicht

Heute hat dieser Begriff einen eher negativen Klang. Wer vorsichtig ist, ist ängstlich, zögerlich, traut sich nicht, auch mal ein Risiko einzugehen – ein lästiger Bremser, wo Dynamik gefragt ist!

Dabei müsste die Fähigkeit, nach vorne zu schauen, also Folgewirkungen erkennen und bedenken zu können, doch eigentlich positiv gesehen und hoch geschätzt werden.

Dass dem nicht so ist, zeigt, wie gefährdet wir heute sind. Denn wenn nur noch das Fortschreiten, der Fortschritt als Wert an sich zählt, egal wie blind und voreilig die Schritte gesetzt werden, ist es nur eine Frage der Zeit bis zu einem tödlichen Fehltritt.

Dann wird man in der Rück-Sicht bedauern, nicht vor-sichtiger gewesen zu sein.

Nächste Woche: „Genau, genau“

Woche 30: Der Autor als Darwinist

Schreiben ist praktizierter Darwinismus. Wer wirklich spürt, was er zu sagen hat, spürt auch, welche Wörter in welcher Abfolge nötig sind, um genau das auszudrücken. Jede anders geartete Formulierung passt nicht – auf Englisch: it doesn´t fit.

Aus der Masse des verfügbaren Wortschatzes kommen für eine bestimmte Aussage also nur ganz wenige Wörter, und auch diese nur in einer ganz bestimmten Kombination infrage. Dieses Auswahlverfahren ist also so etwas wie ein „survival of the fittest“, sprich: nur was wirklich passt, drückt meinen Gedanken, mein Gefühl, meine Beobachtung, meine Stimmung aus. Alles andere mag ein andermal gute Dienste tun – aber hier und jetzt ist es fehl am Platz.

Wer sich dieser Aufgabe des Ausfilterns nicht unterziehen will, sondern ohne Diskriminierung den ganzen Reichtum seines Wortschatzes wahllos willkommen heißt, sollte besser ganz davon absehen, etwas schreiben zu wollen.

Doch wer wirklich etwas mitzuteilen hat, macht immer wieder die Erfahrung, dass sich ihm die dafür geeigneten („fittesten“) Formulierungen geradezu aufdrängen. Man muss nur hinhören und sich dann die Zeit nehmen, die Begriffe, die einem in solchen Momenten geschenkt werden, möglichst gleich willkommen zu heißen und festzuhalten – sonst darf man sie sich später, wenn der Kopf eigentlich schon wieder mit anderen Dingen befasst ist, mühsam wieder zusammenrufen.

Insofern sehe ich dann mein Gewissen als entlastet an, weil nicht ich es bin, der bestimmte Wörter selektiert, sondern die richtigen kommen freiwillig zu mir und drängen die unpassenden in den Hintergrund – ihre Zeit kommt gewiss ein andermal!

Nächste Woche: „Rück- und Vorsicht“

Woche 29: „Also“ – oder: „Phonetische Interpunktion“

„Also sprach Zarathustra“, schrieb Nietzsche vor über 130 Jahren. Damit wollte er jedoch nicht zum Ausdruck bringen, dass Zarathustra jeden seiner Sätze mit dem Wort „Also“ begann, in seiner Rede vor jeden Nebensatz ein weiteres „also“ einfügte, und besonders hervorzuhebende Passagen ebenfalls mit einem „also“ einleitete.

Heute allerdings erleben wir eine Inflation des gesprochenen „also“ – es hat sogar dem „und“ garantiert längst den Rang abgelaufen und dürfte die Liste der meistverwendeten Wörter mit Abstand anführen, weil es in jedem Satz mehrfach und an Stellen vorkommt, wo es eigentlich nicht benötigt wird.

(Ein Sonderfall und quasi der Also-Experte ist Karl Lauterbach, der nicht nur vor jedem Nebensatz ein „also“ einstreut, sondern nahezu vor jedem zweiten Wort, was interessanterweise aber nicht dazu führt, dass das, was er sagt, wirrer klingt – klarer würde es auch ohne die vielen „Also“ nicht.)


Welche Funktion könnte das gesprochene „Also“ also haben?


„Also“ – das ist sicher für viele die Hefe, die dem Inhalt ihrer Sätze Fülle geben soll. Aber das allein wäre als Erklärung des weit verbreiteten Phänomens zu wenig.
Meine These: Es handelt sich beim Einsatz des „Also“ um eine Art phonetischer Interpunktion. Gesprochene Sätze weisen gegenüber geschriebenen das Manko auf, nicht durch die Wegmarkierungen der Satzzeichen in ihrer Sinnvermittlung und –erfassung zu mehr Eindeutigkeit geführt zu werden.

Dieses Defizit erkannte bereits vor über 60 Jahren der Musik-Komiker Victor Borge. Zur Abhilfe erfand er seine „Phonetic Punctuation“, also lautmalerische Satzzeichen, indem er jedem Satzzeichen ein Geräusch zuordnete, das der Sprecher oder Vorleser zu machen hatte. (https://www.youtube.com/watch?v=TIf3IfHCoiE)

Die heutigen Sounds unserer PCs (beim Eingang von Emails z.B.) und die Tastentöne unserer Handys erinnern ein wenig an diese Geräusche. Dass diese Art des Vortrags nicht ohne komische Effekte abgeht, dürfte wohl ein Grund dafür sein, dass sich Borges Vorschlag nicht durchgesetzt hat. Jedenfalls nicht in seiner ursprünglichen Form mit einem jedem Satzzeichen genau zugeordneten Klang. Die andere Ursache mag sein, dass viele Menschen Probleme haben, sich die Klänge zu merken und/oder sie mit ihrem Sprechwerkzeug zu erzeugen.
Doch das Bedürfnis nach Interpunktion auch beim Sprechen scheint unauslöschlich, und so suchte es sich neue Ausdruckswege. Offenbar fand im Zuge einer evolutionären Auslese das Wörtchen „Also“ seinen Weg ins zwar nicht kollektive, aber immerhin weit verbreitete Bewusstsein derer, die mehr neben als hinter dem stehen was sie sagen.

Nächste Woche: „Der Autor als Darwinist“

Woche 28: Dialekt und Dialektik

Ein besonderes Verständigungs- und Verständnisproblem in der menschlichen Kommunikation stellen die Dialekte dar. Zunächst einmal machen sie einem auf Grund des veränderten Wortklangs das Wiedererkennen schwer. Doch auch wenn man diese Hürde locker nimmt, folgt oftmals eine weit höhere in Form einer völlig veränderten Wortbedeutung, die bis hin zum geraden Gegenteil der Bedeutung im Hochdeutschen gehen kann.


Nehmen wir den Begriff „sauber“. Ein sauberes Hemd ist ein frisch gewaschenes Hemd, eine saubere Wohnung eine frisch geputzte und vielleicht auch noch aufgeräumte Wohnung.

„Sauber“ bedeutet also so etwas wie „rein“.

Im Bayerischen aber wird aus der zweiten Silbe des „sau-ber“ nicht nur ein klangliches „ba“, sondern der ganze Begriff wird – passend zum Wortklang – auch bedeutungsmäßig in den Schmutz gezogen. Der Ausruf „Ja, sauba!“ meint in etwa „Das ist ja eine schöne Sauerei!“ Hilfreich ist es für den nicht mit dem Dialekt Vertrauten, auf den Tonfall zu achten – er verrät einem zumindest etwas über die Stimmung, in der der Ausruf erfolgt, und von da kann man mit einigem Einfühlungsvermögen auf die Bedeutung des Gesagten schließen, dass diese nämlich nicht identisch sein kann, wie der Begriff im Hochdeutschen zu verstehen ist.

Und wenn der (männliche) Bayer in der Früh zu erzählen beginnt: „Letzte Nacht, da hatt´ i an sauban Traum!“, kann man sicher sein, dass gerade keine Frauen mithören! Weil jetzt garantiert solche Schweinigeleien folgen, dass den zuhörenden Mitmännern zum Schluss ein anerkennendes „Ja, sauba!“ entfleucht, was frei übersetzt in diesem Fall bedeutet: „Den Traum wünsch ich mir für kommende Nacht!“

Nächste Woche: „Also“ – oder: „Phonetische Interpunktion“

Woche 27: „Ich sag jetzt mal …“

oder: Die Dramaturgie des Relativierens

Es ist eine von vielen Leuten, auch von prominenten Vielrednern, gern eingesetzte Redetechnik, plötzlich Luft zu holen und vor dem Weitersprechen ein „Ich sag jetzt mal …“ einzuflechten.
Was wollen sie damit bewirken? Eine bedeutungsvolle Atmosphäre aufzubauen ist wohl gerade nicht Zweck der Übung. Doch was dann?


Es scheint im Gegenteil so, als solle die dem „Ich sag jetzt mal …“ folgende Aussage vorwegnehmend relativiert werden. Das geschieht allerdings – genau betrachtet – auf recht kuriose Art. Denn das „Ich sag jetzt mal …“ erheischt ja eigentlich erst die besondere Aufmerksamkeit, bereitet sozusagen die große Bühne vor – auf die dann kein Star tritt, sondern der Hausmeister, der unsicher erklärt, dass er nur eine Glühbirne austauschen muss und gleich wieder weg ist.


Der, der hier mit seinem „Ich sag jetzt mal …“ eigentlich das Rampenlicht einschaltet, verkündet gleichzeitig: „Erwartet nicht zu viel von mir – ich tue nur meine Pflicht. Ich habe eigentlich nichts zu sagen, aber wenn ich denn was sagen muss, dann sag ich jetzt mal was …“


Und damit die Diskrepanz zwischen Absicht und Wahl des Mittels dem Publikum nicht auffällt, wendet der Sprecher, der sich zum Einsatz dieses Stilmittels entschlossen hat, es besonders häufig an, wohl darauf spekulierend, dass damit eine gewisse Abstumpfung beim Zuhörer eintreten und dieser sich der eigentlichen Absurdität nicht mehr bewusst wird.

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Nächste Woche (KW 28): „Dialekt und Dialektik“

Woche 26: Wiren

Will der bayerische Ministerpräsident Söder das freistaatliche Fußvolk, wenn es lockdown-ermüdet in Anbetracht in Freie lockender Temperaturen unruhig mit den Füßen scharrt und mehr Freiraum erheischt, wieder einmal zur Vorsicht ermahnen, sagt er gerne Sätze wie: „Wir haben viel erreicht, deshalb sollten wir das jetzt nicht leichtfertig auf´s Spiel setzen!“

Dieses „Wir“ (verstärkend gerne auch „Wir gemeinsam“!) suggeriert eine Intimität, eine familiäre Geschlossenheit, eine scheinbare Kumpanei, das Boot, in dem wir scheinbar alle sitzen…

(Auch dieses Bild wird von Politikern gerne eingesetzt, wenn es eigentlich darum geht, Dumme zu finden, die wieder einmal den Karren aus dem Dreck ziehen, in den ihn selbige Politiker in völliger Selbstüberschätzung, gepaart mit Eigennutz, gesteuert haben.)

Wenn bei der Vorstellung des gemeinsamen Wahlprogramms der beiden C-Parteien von „Wir“ die Rede ist, bündelt es diesmal einen ganz anderen Personenkreis zu einer Gemeinschaft, nämlich die Mitglieder der Unionsparteien.

Redet Söder als Chef der CSU beim politischen Aschermittwoch jedoch von „Wir“, meint er hingegen nur seine CSU-Mitglieder und -Wähler.

Die Krönung des Wir

Die Krönung des Subsumierens unter ein „Wir“ gelang allerdings dem amerikanischen Geschäftsmann und Multimilliardär Bill Gates in den Tagesthemen der ARD an Ostern 2020!

Dort verkündete er ohne Zweifel und Skrupel, „Wir werden 7 Milliarden Menschen impfen!“

Jedem dürfte klar gewesen sein, dass er mit diesem „Wir“ nicht allein sich und seine Frau Melinda gemeint haben konnte. Aber der devote Moderator fragte nicht nach – zu sehr schien deutlich zu sein, dass Bill Gates bereits eine Vorstellung davon habe, wem er diese Mammutaufgabe zugedacht hatte.

Mit dem „Wir“ geschieht also eine Zwangsvergemeinschaftung, eine Vereinnahmung, ohne dass die Vereinnahmten gefragt werden. Und gleichzeitig geschieht eine Exklusion, ergibt sich die Gruppe der „Anderen“. In diesem Fall: Hier die, die impfen sollen – dort die zu Impfenden.

Jede Gruppe empfindet sich letztlich als „Wir“. Es müsste also, da es offenbar eine Vielzahl von „Wirheiten“ gibt, zu jedem verwendeten „Wir“ einen eingrenzenden und erklärenden Zusatz geben, also z.B. „Wir (die Ärzteschaft)“, „Wir (die EU-Bürger)“, „Wir (die Rentner)“ etc.

Oder sollte man – so, wie es manchmal noch üblich ist, das „Du“ anzubieten – erst das Einverständnis des Gegenübers einholen, wenn man es in ein „Wir“ einbinden will?

Solange wir also noch meilenweit entfernt sind, uns als globale Menschheitsfamilie zu empfinden, die selbstlos jederzeit das Wohl aller im Blick hat, solange können wir den Begriff „Wir“ eigentlich nicht ohne nähere Bestimmung verwenden, sondern müssen uns bewusst sein, dass es ganz viele „Wiren“ gibt.

Nächste Woche (27): „Ich sag jetzt mal“

Woche 25: Gehirnwäsche

Warum kaufen sich die Leute Seife und Waschmittel, wenn Waschen etwas Schlechtes ist?

Denn warum sonst wird von „Gehirnwäsche“ immer so negativ gesprochen? Wenn jemand einer bestimmten Ideologie anhängt, ist er „gehirngewaschen“. Das Gleiche gilt für Menschen, die einer Sekte angehören, einem Guru nachlaufen etc.

Ihnen unterstellt man, dass in ihrem Gehirn Gedanken eingepflanzt wurden, die schädlich sind. Ihr Gehirn wäre dann doch eher verschmutzt, oder? Mit „Gehirnwäsche“ kann also eigentlich nur gemeint sein, dass ein ehemals vorhandenes Programm gelöscht und durch ein neues, schlechteres ersetzt wurde. Übertragen auf die Wäsche von Händen oder Kleidung würde dies bedeuten: man hat den Dreck ab- oder herausgewaschen und danach neuen Dreck aufgetragen!

Ziemlich seltsamer Waschvorgang!

Was ich mir unter einer echten Gehirnwäsche vorstelle, wäre ein wirkliches Löschen möglichst vieler alten Programmierungen, die einem Menschen so im Laufe des Aufwachsens von den ihn umgebenden so genannten bereits „Erwachsenen“ zuteil werden. Als da sind: Eltern, Verwandte, Lehrer, Priester, Vorgesetzte etc. Diese Fremdprogramme überschreiben das eigene, inhärente, bereits in diese Inkarnation aus vergangenen Leben mitgebrachte Programm, das einen Menschen befähigen könnte, seinen ganz individuellen Weg – man könnte vielleicht sogar von „Auftrag“ sprechen – zu finden.

Sollte es also jemand gelingen, mich durch Gehirnwäsche zu befähigen, an mein inneres, eigenes Programm zu gelangen, indem die überlagerten Fremdprogramme herausgewaschen werden, so wäre ich demjenigen unendlich dankbar. Das müsste aber ein Mensch sein, der sein eigenes Programm gefunden hat und dieses lebt, und der keine Egospiele mehr spielt, denn sonst wäre die Gefahr groß, dass er doch sein eigenes Programm an Stelle meiner alten Fremdprogramme setzen will. Das wäre dann aber ein Austausch der Verschmutzung und kein Waschvorgang!

Viele Menschen haben aber Angst vor einer echten Gehirnwäsche, denn dieser Vorgang ist mit hohen Schleudertouren verbunden…


Nächste Woche (26): „Wiren“

Woche 24: auf der Zunge zergehen lassen

Immer wieder benutzen Sprecher (ein Beispiel ist Prof. Sucharit Bhakdi) diese Redewendung, um damit den Zuhörern zu signalisieren, dass sie gleich etwas sagen werden, was ganz besondere Aufmerksamkeit verdient. (Im Fernsehen macht man das mit so genannten Superzeitlupen: ein Foul beim Fussball wird in Zeitlupe und aus mehreren Kameraperspektiven und gezoomt wiederholt betrachtet).

Quelle: pixabay

Doch was soll sich der Zuhörer auf der Zunge zergehen lassen? Seltsamerweise sind es meist ziemlich unangenehme, ja oft gar unappetitliche Schilderungen, die dann folgen! Dass ein sehr hoher Prozentsatz der Covid-19-Geimpften eine Hirnvenenthrombose erleidet; dass die Todesfälle nach Impfungen in den ersten Monaten 2021 höher sind als die nach allen Impfungen der 15 Jahre davor, etc.

Doch was lässt man sich gerne und freiwillig auf der Zunge zergehen, und das nicht im übertragenen Sinne? Eine Praline, eine Erdbeere, ein Stück Torte – also etwas Wohlschmeckendes, dessen Genuss man so lang wie möglich dehnen möchte! Nichts bitter Schmeckendes – das spült man schnell mit Flüssigkeit hinunter, wenn man es denn schlucken muss!

Aber warum ist es mit dieser Formulierung bei der Übertragung in eine Redewendung zu dieser eklatanten Verdrehung gekommen? Ich habe noch keine Antwort darauf gefunden.

Woche 23: „Impfgegner/Impfverweigerer“

Der Begriff „Impfgegner“ hat das Potenzial zum Unwort des Jahres 2021. Aber was ist damit gemeint? Ständig wird es verwendet, um damit Menschen als „unsolidarisch“ zu diffamieren, die sich nicht impfen lassen wollen. Aber fangen wir vorne an. Jeder Mensch ist erst einmal Mensch. Nebenher kann er sich dann noch zusätzliche Bezeichnungen zulegen/erwerben, z.B. durch berufliche Qualifikationen (Doktor, Beamter, Richter, Bäckermeister), mediale Anerkennung (Superstar, Top-Model, Fußballgott), Krankheiten (Diabetiker, Autist), Ausübung einer Freizeitbeschäftigung (Golfer, Surfer, Biker), einer Angewohnheit (Raucher, Alkoholiker) etc.

Was, wenn nicht?

Aber warum muss sich jemand mit einem Negativ-Label versehen lassen, der etwas NICHT ist oder tut?

Bin ich Nicht-Golfer, Nicht-Doktor, Nicht-Autist? Da können wohl alle noch drüber lachen. Aber an Begriffe wie „Nichtraucher“ haben wir uns kollektiv gewöhnt, Schilder mit dieser Aufschrift wurden millionenfach hergestellt und verwendet.

Und jetzt, wo die Impfung für alle propagiert wird und sich die Impfwilligen wie die Lemminge darauf stürzen, passen simple Menschen, die sich nichts hinzufügen lassen wollen, nicht ins Bild. Sie stören das Bedürfnis nach dem Herdengefühl (fälschlich als „Herdenimmunität“ getarnt), nach dem kollektiven Einigsein in der Einschätzung einer komplexen Sache. Wenn alle das Gleiche machen – dann kann es doch nur richtig sein!

Kleine Herden-Kunde

Doch wenn einige – und seien es auch noch so wenige – außerhalb stehen bleiben und nicht mit der Herde laufen, verkörpern sie das ODER, das Fragezeichen. Könnte die Entscheidung eventuell auch falsch sein? Und schon wird es anstrengend! Jetzt müsste man sich doch etwas detaillierter mit der Materie befassen, abwägen … Da wäre es doch viel leichter, man bekäme die Abweichler auch noch dazu, sich der Herde anzuschließen! Denn damit wären alle Ansätze von Zweifel schwuppdiwupp im Keim erstickt! Also braucht es den Druck, indem man das Nicht-Mitmachen als etwas Schlechtes darstellt, als etwas, womit die wenigen der Mehrheit sogar schaden. Und wer kann das wollen? Die Mehrheit auf keinen Fall, und da sie ja die Mehrheit ist, fällt es ihr leicht, sich im Recht zu fühlen und auf die Minderheit auch mit unfairen Mitteln einzuwirken – ist ja schließlich für den guten Zweck!

Also sieht sich jeder Mensch, der nur ganz simpel seinen natürlichen Zustand für sich beansprucht, als Verweigerer gebranntmarkt, zum Gegner von etwas gemacht, das er eigentlich ganz simpel nur für sich nicht in Anspruch nehmen will. So wie ein Mensch, der nicht zum Tabak greift und somit nicht zum Raucher wird.